Schleswig-Holstein: Schulen und Kitas bis 19. April geschlossen - aber am 21. April sollen nun doch die Abiturprüfungen starten

Kiel, 25. März 2020 (fy). - Um 17:12 Uhr kam am heutigen Mittwoch die Meldung von der Pressestelle des MBWK: "Wir haben beschlossen, das Abitur regulär stattfinden zu lassen", so Karin Prien, die schleswig-holsteinische Bildungsministerin (CDU), die gestern noch angekündigt hatte, dem Kabinett heute einen Vorschlag zu unterbreiten, sämtliche Prüfungen dieses Jahr ausfallen zu lassen und "die Note auf Grundlage der bisher erbrachten Leistungen zu ermitteln".

Heute (25. März) jedoch fand zunächst die Telefonkonferenz der Kultusminster statt, die sich in weiten Teilen bereits am gestriegen Dienstag eher skeptisch zu dem "Alleingang" (Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe, SPD) von Minsterin Prien geäußert hatten. Nach der Konferenz, so Prien in ihrer Pressemitteilung vom späten Nachmittag, "konnten wir uns nach der Unklarheit der vergangenen Wochen endlich auf ein gemeinsames Vorgehn einigen".

Die Beschlüsse sehen folgendermaßen aus:
- Die Länder anerkennen gegenseitig die erreichten Abschlüsse des Schuljahres 19/20 auf der Basis der gemeinsam getroffenen Regelungen.
- Alle Schülerinnen und Schüler sollen keine Nachteile aus der jetztigen Ausnahmesituation haben und in diesem Schuljahr ihre Abschlüsse erwerben können.
- Insbesondere die schriftlichen Prüfungen sollen zu den geplanten oder geplanten Nachholterminen stattfinden, soweit das Infektionsschutzgesetz das zulässt.
- Die Länder können auf zentrale Elemente aus Abituraufgabenpool verzichten und sie durch dezentrale Elemente ersetzen.
- Die Länder stellen "zum heutigen Zeitpunkt" fest, dass eine Absage von Prüfungen nicht notwendig sei.

Konkret heißt das: die Prüfungen beginnen am 21. April. Das ist der zweite Schultag nach den Osterferien, die Schülerinnen und Schüler sind dann seit dem 16. März, dem ersten Tag der Schulschließungen in diesem jahr, nicht mehr zur Schule gegangen. Wie die Regelungen für die Freien Waldorfschulen in Schleswig-Holstein ausfallen, ist noch nicht bekannt.

Seit Montag, 16. März, ist der Schulunterricht an allen Schulen im Land Schleswig-Holstein ausgesetzt. Dann stand fest: Die landesweiten Schul- und Kitaschließungen sollen bis zum 19. April 2020, also bis zum Ende der Osterferien andauern. Betont hatte die Landesregierung nach ihrem Kabinettsbeschluss vom Freitag, 13. März 2020, dass diese Maßnahme helfen solle, die "Infektionskette weiter eindämmen" zu können. Ausdrücklich betont wurde seinerzeit deshalb auch vom Gesundheitsministerium, dass dieser Beschluss für "alle", also auch die Schulen und Kitas in freier Trägerschaft, gelte. Geregelt ist in einem Schreiben der Bildungsministerin, das am Freitag, 13. März, vorlag, beispielsweise wie ein "schulischer Notbetrieb" für die Klassen eins bis sechs bis einschließlich 18. März eingerichtet werden sollte und wer ihn in Anspruch nehmen konnte. Nachzulesen war das auch in der Pressemitteilung des Ministeriums vom 13. März. Dort sind ebenfalls die ursprünglichen "Alternativtermine" jetzt als die neuen Abschlussprüfungstermine beginnend mit dem 20. April veröffentlicht.

Dezidiert geregelt ist durch das Land Schleswig-Holstein auch, wer Betreuung an den Einrichtungen in Anspruch nehmen kann. All diese Regelungen gelten sowohl für die allgemeinbildenden Schule als auch die Förderzentren. Und: "Die Lehrkräfte sind grundsätzlich verpflichtet, zum Dienst zu erscheinen", so Ministerin Prien, sie hielten "zusammen mit den Schulleitungen den schulorganisatorischen Betrieb in der Schule aufrecht". Alle aktuellen Entwicklungen und Mitteilungen finden Sie ab sofort immer auch auf der Homepage des Ministeriums.

Schulschließungen auch in Hamburg

Hamburg.- Entgegen den Verlautbarungen aus der Behörde noch vom Freitagvormittag (13. März), schloss dann auch die Hansestadt ab Montag die Schulen und Kitas wegen des Coronavirus zunächst bis zum 29. März. Das hat letztlich der Senat am Nachmittag auf einer Sondersitzung beschlossen.Mittlerweile ist die Schließung auch bis zum 18. April 2020 verfügt. fy 25.03.2020 

Niedersachsen und Bremen: Schulen und Kitas ebenfalls geschlossen

Hannover/Bremen. - Das Land Niedersachsen hat wie der Stadtstaat Bremen am Freitag (13.03.2020) ebenfalls beschlossen, Schulen und Kitas ab 16. März geschlossen zu halten. Das gilt auch für die Hochschulen und Museen im Lande. Geschlossen bleiben diese Einrichtungen bis zum 18. April. Pfiffig: Medizin Studierenden bietet das Land Niedersachsen die Möglichkeit an, in den niedersächsischen Krankenhäusern als Pflegekräfte zu arbeiten. fy 13.03.2020

Corona: LAG empfiehlt, Reisen ebenfalls bis Sommer auszusetzen

Kiel. - Der Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft der schleswig-holsteinischen Waldorfschulen (LAG) hat sich am Donnerstag, 12. März 2020, dem Bildungsministerium in Schleswig-Holstein angeschlossen und empfahl jetzt seinen 15 Mitgliedseinrichtungen, auf Schulausflüge und Klassenreisen zu Zielen außerhalb von Schleswig-Holstein bis zu den Sommerferien zunächst zu verzichten.
Zu diesem Ergebniss kam der fünfköpfige LAG-Vorstand nach Beratungen mit Schulen, den Justitiaren des BdfWS in seiner Abstimmung am Mittag. Zuvor hatte das MBWK in Kiel mitgeteilt, dass "am 11.03.2020  aufgrund der Ausbreitung des Corona Virus alle Schulwanderfahrten an öffentlichen Schulen außerhalb Schleswig-Holsteins untersagt wurdenDie Anordnung erfolgte zur Aufrechterhaltung des Unterrichtsbetriebes und der Funktionsfähigkeit der Schulen. Alle Schulwanderfahrten (Klassenfahrten, auch Tagesausflüge) und Schüleraustausche nach Zielen außerhalb Schleswig-Holsteins sind bis zum Ende des Schuljahres 2019/20 abgesagt".
Der LAG-Vorstand schrieb am frühen Donnerstagnachmittag an seinen Mitgliedern: "Wir möchten Ihnen dringend empfehlen, dem Rat des Bildungsministeriums zu folgen und geplante Reisen, Fahrten etc. an Ziele außerhalb von Schleswig-Holstein auch an unseren Schulen zunächst abzusagen. Gleichwohl haben letztlich aber Sie eigenverantwortlich zu prüfen und zu entscheiden. Bitte holen Sie in diesem Fall auch den Rat des örtlichen Gesundheitsamtes oder des schleswig-holsteinischen Gesundheitsministeriums ein und informieren Sie sich im Vorweg über das RKI beziehungsweise das Auswärtige Amt."
Gleichzeitig, so der Sprecher der Waldorfschulen, Thomas Felmy, gäbe der Vorstand eine Empfehlung auch gegenüber den Veranstaltern der geplanten Bundesschülerratstagung Ende April an der FWS Kiel aus, "darüber nachzudenken und zu entscheiden, ob die Veranstaltung jetzt abgesagt und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden" könne. Erwartet wurden zu dem Zeitpunkt Mitte März bereits weit über 300 Schülerinnen und Schüler aus allen bundesdeutschen Waldorfschulen.
Ebenfalls bereits am Mittwoch hatte die Flensburger Waldorfschule ihre Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern via elektronischer "Ranzenpost" und auf Ihrer Homepage darüber informiert, dass sie ebenfalls auf die zunehmende Zahl von Corona-Fällen reagiert und eine Zahl von Einschränkungen für die Zeit bis zu den Osterferien beschlossen habe. fy 12.03.2020

Keine MV des BdFWS in Seewalde

Kiel/Stuttgart. - Der Bund der Freien Waldorfschulen mit Sitz in Stuttgart (BdFWS) hat heute (Freitag) die für das Wochenende 20./21. März in Seewalde geplante Mitgliederversammlung abgesagt. Das teilte der BdFWS in einem Schreiben an seine Mitgliedseinrichtungen mit. fy 13.03.2020

Nur noch wenige Plätze frei

Beim Chorprojekt Cantare für Schülerinnen und Schüler vom 5. - 18. April 2020 in Mannheim sind noch wenige Plätze frei. Cantare ist eine zweiwöchige Chortagung für klassische Musik, organisiert von jungen Menschen für junge Menschen. Deren Ideal ist es, Jungendliche und klassischen Musik zu verbinden. "Sich seiner eigenen Stimme bewusst zu werden, bewegende Konzerterlebnisse, neue Freundschaften, spannende Workshops", heißt es zusammenfassend von den Veranstaltern. Doch jetzt sind nur noch einige Plätze frei, insbesondere in den Männerstimmen. Weitere Informationen zu und über Cantare finden Sie auf der Homepage, für weitere Fragen geht's hier der Einfachheit halber direkt zur Mail. fy 19.01.2020

Lehrergewinnung auf Luftwegen

Mit dieser Postkarte (erreichte unsere Redaktion per Briefmöwe) wirbt das Land Mecklenburg-Vorpommern derzeit um neue Lehrerinnen und Lehrer. Der Slogan: "Lehrer-in-MV - Willkommen im Land zum Leben". "Das Rauschen der Ostsee, das Plätschern der Seen und das Rascheln des Waldes sind Musik in deinen Ohren?", fragt die Karte auf der Rückseite frech, "Dann bewirb Dich!" Alles nur Wald- und Strandschulen oder was? Da werden sich die Möwen wirklich freuen... Und die Kolleginnen und Kollegen in Schleswig-Holstein doch auch. Schließlich gibt's da doch auch Möwen... fy 26.11.19

Immer mehr Waldorfschulen, vor allem auf dem Lande

Stuttgart/Kiel. - Immer mehr Waldorfschulen entstehen im ländlichen Raum. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Gesamtjahresabschluss des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) 2018. Mit den Neugründungen wehren sich Eltern auch gegen den Trend, die Zahl der staatlich-kommunalen Schulen immer weiter zu reduzieren.

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Im Schuljahr 2017/18 haben 39,6 Prozent der 402 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland eine Waldorfschule. Insgesamt umfassen die Kreise 57,2 Prozent der Bevölkerung und 58,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler. Damit haben mehr als die Hälfte der Schüler in Deutschland mittlerweile einen Zugang zu einer Waldorfschule, teilt der Dachverband in einer Presseerklärung mit.
„Die Statistik zeigt, wie weit verbreitet die Waldorfschulen mittlerweile sind, und dass ihre Beliebtheit auf dem Land zunimmt“, so Thomas Rohloff, Abteilungsleiter Bildungsökonomie im BdFWS. „Eltern sind sogar oft bereit, einen weiten Schulweg für ihre Kinder in Kauf zu nehmen, der auch über Landkreisgrenzen hinausgeht, um den Besuch einer Waldorfschule zu ermöglichen“, so Rohloff weiter.
Die zunehmende Beliebtheit der Waldorfschulen zeigt sich auch an ihrem Wachstum: Von 1990 bis heute gab es 128 Neugründungen. Das bedeutet einen Anstieg von 109 Prozent, jährlich durchschnittlich 2,7 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr gab es sogar einen Anstieg um 3,4 Prozent.
Die derzeit 245 deutschen Waldorfschulen haben sich zum Bund der Freien Waldorfschulen e.V. (BdFWS) mit Sitz in Stuttgart zusammengeschlossen, wo 1919 die erste Waldorfschule eröffnet wurde. Insgesamt zwölf Waldorfschulen gibt es in Schleswig-Holstein, drei heilpädagogische Einrichtungen sowie das Kieler Waldorflehrerseminar und die Fachschule Nord für Heilerziehungspflege. VS 19.11.2018

"Notenzeugnisse sind pädagogischer Unfug"

Hamburg/Stuttgart. - Die Sommerferien nahen und damit auch die Zeugnisvergabe, doch bei dem Gedanken daran wird den Schülerinnen und Schülern vielerorts schon Angst und Bange, denn bei manchen ist sogar die Versetzung in Gefahr. Befürchtungen, die "Waldörfler" nicht kennen, da es an ihren Schulen kein Sitzenbleiben gibt und Notenzeugnisse auch erst frühestens ab der 9. Klasse üblich sind. Der Bund der Freien Waldorfschulen rät vor dem 15. Lebensjahr von Notenzeugnissen ab.

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„Die Neurowissenschaften haben längst belegt, dass Angst, Stress und Druck die denkbar schlechtesten Vorbedingungen zum Lernen sind. Wir lernen niemals nur mit dem Kopf, sondern immer auch mit dem Herzen und durch aktive Tätigkeit“, betont Henning Kullak-Ublick, Vorstandssprecher im Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS). Während die gelernten Inhalte meist schnell wieder vergessen werden, bleibe das mit dem Lernen verbundene Gefühl bestehen und bestimme in hohem Maße die individuelle Beziehung zum Lernen im späteren Leben. Noten vor dem 14. Lebensjahr führten für viel zu viele Kinder dazu, Lernen als notwendige Last statt als spannendes „Tor zur Freiheit“ zu erfahren, das sich ein Leben lang immer weiter öffnen könne, führt der langjährige Waldorfklassenlehrer aus.

Deshalb gebe es an den Waldorfschulen in der Unter- und Mittelstufe keine selektive Auslese mit Noten und kein Sitzenbleiben – aus pädagogischen Gesichtspunkten seien Noten ohnehin vollkommen überflüssig: „Notenzeugnisse sind pädagogischer Unfug“, sagt Kullak-Ublick. Der BdFWS begrüße daher, dass der Notendruck wenigstens für die jüngeren Jahrgänge auch an Schulen in staatlicher Trägerschaft allmählich reduziert werde. „Das ist gut, aber am Ziel sind wir erst, wenn nicht mehr eine Defizitorientierung über eine Schülerlaufbahn entscheidet, sondern das individuelle Können“, so Kullak-Ublick weiter.

In den Waldorfschulen gibt es bis zur Oberstufe keine Notenzeugnisse, sondern ausführliche Beurteilungen der Schülerinnen und Schüler, aus denen sie ihre Stärken und Schwächen ersehen können. „Ein ‚gutes Zeugnis’ ist eins, das den Kindern Mut macht, weil sie sich in ihren Stärken erkannt fühlen können. Auf dieser Grundlage können sie auch Schwächen angstfrei überwinden“, erklärt Kullak-Ublick. Zur Darstellung von Lernfortschritten jenseits der traditionellen Notenvergabe greifen viele Waldorfschulen auf Lern- und Abschlussportfolios zurück, die aus der Sicht des BdFWS einen „echten Paradigmenwechsel“ bei den Leistungsnachweisen darstellen, weil sie die individuellen Leistungen und Fähigkeiten viel genauer abbilden. In Deutschland bieten derzeit rund 50 Waldorfschulen zusätzlich zu den staatlichen Abschlussprüfungen solche Abschlussportfolios an, die von künftigen Arbeitgebern oder weiterführenden Bildungseinrichtungen oft als wesentlich aussagekräftiger als der Notendurchschnitt bewertet werden. Mehr zu diesem Thema in einem Radiobeitrag mit dem Sprecher des BfFWS, Kullak-Ublick. CMS 19.06.2018

Handwerk und Waldorfschulen vereinbaren Kooperation zur Berufsorientierung

Berlin/Hamburg/Stuttgart/Kiel. In einem gemeinsamen Positionspapier haben der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) eine Kooperation zum Ausbau der Berufsorientierung vereinbart. Ziel der künftigen verstärkten Zusammenarbeit ist es, Schülerinnen und Schülern an Waldorfschulen frühzeitig die vielfältigen Berufs- und Karrierewege im Handwerk aufzuzeigen.
„An unseren Schulen wird noch viel zu selten vermittelt, dass junge Menschen mit einer dualen Ausbildung in ein sehr erfolgreiches Berufsleben starten können und zahlreiche Karriereoptionen haben. Von den Möglichkeiten außerhalb des akademischen Weges erfahren sie oft viel zu wenig. Genau hier knüpft unsere Kooperation an. Das Handwerk macht sich bereits seit Jahren für eine umfassende Berufsorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen stark. Die Waldorfschulen machen jetzt vor, wie man Jugendlichen umfassend alle späteren beruflichen Wege aufzeigt“, so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer.

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Eine frühzeitige Berufsorientierung, die zudem praktische Erfahrungen in Handwerksbetrieben vorsieht und auf diese Weise die Attraktivität des Handwerks in allen Facetten vermittelt, kann den Jugendlichen helfen, den für sie passenden Beruf zu finden und keine Fehlentscheidungen zu treffen. „Für die Waldorf-Schülerinnen und -Schüler ist diese Zusammenarbeit ein Zugewinn, weil wir sehr berufs- und praxisbezogen Orientierung geben und Transparenz schaffen. Die Jugendlichen lernen in Projekten und Praktika in Handwerksbetrieben nicht nur die vielfältigen Berufe kennen, sondern finden dabei auch heraus, ob diese zu ihren Neigungen, Interessen und Fähigkeiten passen. Das hilft bei der Berufswahl, so Hans-Georg Hutzel, Vorstand im BdFWS, wie der Bund der Waldorfschulen in einer Presseerklärung mitteilt.

Waldorf-Schülerinnen und Schüler sollen künftig besser über die zahlreichen Möglichkeiten zur persönlichen Verwirklichung in den über 130 Handwerksberufen aufgeklärt und direkt mit Handwerksbetrieben in Kontakt gebracht werden. Geplant sind neben der stärkeren Vernetzung von Schulen, Handwerksorganisationen und Betrieben etwa Bildungspartnerschaften, eine stärkere gemeinsame Informationspolitik sowie der Ausbau von Schülerpraktika. 

Die derzeit 240 deutschen Waldorfschulen haben sich zum Bund der Freien Waldorfschulen e.V. (BdFWS) mit Sitz in Stuttgart zusammengeschlossen, wo 1919 die erste Waldorfschule eröffnet wurde. Die föderative Vereinigung lässt die Autonomie der einzelnen Waldorfschule unangetastet, nimmt aber gemeinsame Aufgaben und Interessen wahr. 27.10.17 BP, VS

BSG: Kreis Nordfriesland muss nun doch den Schulbus für eine Waldorfschülerin bezahlen

Kassel/Flensburg – Der Kreis Nordfriesland muss Schülerbeförderungskosten für eine Schülerin der Freien Waldorfschule Flensburg zahlen. Das hat der 14. Senat des Bundessozialgerichts (BSG, AZ: B 14 AS 71/16 B) in Kassel am Mittwoch, 5. Juli 2017, entschieden. Damit geht ein über sechsjähriger Rechtsstreit zu Ende.
Geklagt hatte die Mutter einer Drittklässlerin aus Husum erstmalig gegen das Jobcenter, nachdem ihr im Mai 2011 gestellter Antrag negativ beschieden worden war.  Sie hatte die Übernahme der Buskosten in von Höhe von 78,80 €uro monatlich aus den Mitteln des Bundesprogramms „Bildung und Teilhabe“ rückwirkend ab 1. Januar beantragt. Das Jobcenter lehnte ab: Die Waldorfschule sei nicht „die nächstgelegene Schule des gewählten Bildungsganges“. Ein Abschluss dort sei „mit dem der öffentlichen Schulen vergleichbar und auch in Husum zu erreichen“.
Das Sozialgericht lehnte die Klage der Mutter am 22.08.2013 ab. Knappe drei Jahre später, am 22. Januar 2016, wies auch das Landessozialgericht die in die Berufung gegangene Mutter ab: Bei der besuchten Primarstufe der Waldorfschule handele es sich „nicht um einen eigenständigen Bildungsgang im Sinne des § 28 Absatz 4 SGB II“ (sogenannte Bedarfe für Bildung und Teilhabe). Die Mutter jedoch gab nicht auf.

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Am 10. August 2016 hatte aufgrund der bundesweiten Bedeutung dieses Urteils das Bundessozialgericht die Revision gegen das Urteil zugelassen. Das Urteil des Landessozialgerichtes wurde in der Verhandlung an diesem Mittwoch aufgehoben und die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Landessozialgericht in Schleswig zurückverwiesen. Entschieden werden müsse dort noch „über die Hilfebedürftigkeit der Klägerin“ sowie zu „Art und Kosten“ der Beförderung.
Die grundsätzlichen Voraussetzungen für die Übernahme von Schülerbeförderungskosten sind „insofern, als die Schülerin im streitbefangenen Zeitraum in der Waldorfschule Flensburg eine allgemeinbildende Schule mit einem eigenständigen Bildungsgang besucht hat“, erfüllt, schreibt das BSG in seinem Terminbericht über die Sitzung. 
Die Schule weist nämlich, so das BSG, gegenüber den näher gelegenen öffentlichen Schulen einen eigenen Bildungsgang im Sinne des SGB II auf. Es kommt also auf das Profil der Schule an, wenn daraus eine „besondere inhaltliche Ausgestaltung des Unterrichts“ folgt, „die nicht der nächstgelegenen Schule“ entspricht.
Für die Mutter heißt das: Das Gericht bestätigt im Grunde ihre Überzeugung, dass sich der eigenständige Bildungsgang von der ersten bis zur letzten Klasse durch pädagogische, didaktische und inhaltliche Unterschiede ausdrückt; dass gewissermaßen bei der Schulwahl der Weg das Ziel sei – und nicht der Abschluss.
Mit anderen Worten: Die Waldorfschulen haben also ein ihnen eigenes Profil, auch wenn an ihnen die üblichen Abschlüsse wie an anderen Schulen erreicht werden können. Der „Bildungsgang“ und nicht der „Bildungsabschluss“ zählt also. Dem trägt, so das Gericht, schließlich auch das für die Waldorfschulen in Schleswig-Holstein zuständige Ministerium mit einer für diese Schulen eigenen Landesverordnung zum Erwerb der Schulabschlüsse Rechnung. fy 06.07.2017

Wohl doch kein Randphänomen

Stuttgart/Hamburg. Der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) macht anlässlich der aktuellen Debatte über die unterschätzte Gefahr, die von sogenannten Reichsbürgern ausgeht, erneut auf die Broschüre „Die Reichsbürgerbewegung – Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Neu-Deutschtum“ aufmerksam. Die Publikation erschien bereits im Januar 2015, nachdem der Geschäftsführer einer Waldorfschule Räume der Schule für eine Versammlung des der „Reichsbürger-Bewegung“ nahe stehenden „Deutschen Polizei-Hilfswerks“ zur Verfügung gestellt hatte; er wurde daraufhin fristlos entlassen (der Spiegel berichtete).

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„Wir wollten unsere Mitgliedsschulen mit dieser Broschüre vor potenziellen Unterwanderungsversuchen warnen, da noch wenig bekannt war, dass Reichsideologen auch in der alternativen Szene, zu der auch anthroposophisch inspirierte Initiativen in der Landwirtschaft, Medizin und Pädagogik gehören, zu finden sind“, so BdFWS-Vorstandssprecher Henning Kullak-Ublick. Doch in erster Linie ging es um Aufklärung mit Hilfe von Hintergrundinformationen, um die Waldorfschulen auf typische Argumentationsmuster der so genannten „Reichsbürger“ aufmerksam zu machen und sie auf ihre Plausibilität hin zu untersuchen.
Viele bezeichnen die heutige Zeit mittlerweile als „postfaktisch“. Tatsachen werden bewusst ausgeblendet und Teile der Gesellschaft argumentieren lediglich auf emotionaler Grundlage. Die Reichsbürgerbewegung sowie sämtliche Verschwörungstheorien sind Beispiele hierfür. „Es kommt heute wieder besonders darauf an, dass wir den Jugendlichen helfen, mit Bezug auf derartige Rattenfängereien urteilsfähig zu werden. Es reicht nicht, Verschwörungstheorien zu verdammen, sondern wir müssen uns argumentativ mit ihnen auseinandersetzen und ihre Zirkelschlüsse sichtbar machen“, sagt Kullak-Ublick, der selbst 27 Jahre als Waldorfklassenlehrer tätig war.
Die Broschüre setzt sich mit vier „falschen Thesen“ der Reichsbürgerbewegung zur Bundesrepublik Deutschland auseinander, in denen die Reichsbürger unter anderem die Souveränität der BRD bestreiten und das Grundgesetz nicht anerkennen. Ferner weist die Broschüre auf die Gefahren des „rechten Randes“ für die Waldorfbewegung hin – sie kann hier auch als PDF heruntergeladen werden. CMS/VS 21.10.2016

Gauck verleiht Preise

Die neunte Klasse des Förderzentrums Friedrichshulde in Schenefeld fährt nach Berlin. Das ist keine so gewöhnliche Klassenreise der Schülerinnen und Schüler von Klassenlehrer Rolf-Michael Ansorg. Denn die Kids haben einen guten Grund: Sie gewannen einen Preis im Schulwettbewerb von Bundespräsident Joachim Gauck unter dem Motto "Umgang mit Vielfalt". Und den Preis gibts im Schloss Bellevue.

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Aus den insgesamt 627 eingereichten Beiträgen hatte die Jury 146 in die engere Wahl gefasst, heißt es dazu beim Bundespräsidialamt. Jetzt stehen die Preisträger fest. Ob sie nun den ersten, zweiten oder dritten Platz erreicht haben, wissen die Kids aus der anthroposophischen Einrichtung in Schenefeld noch nicht. Die Spannung steigt also noch bis zum Tag der Preisverleihung am 14. Juni.
Alle Schülerinnen und Schüler der Klasse haben übrigens unterschiedliche sonderpädagogische Förderbedarfe. Darüberhinaus werden in Friedrichshulde Flüchtlingskinder unterrichtet und betreut. Da fackelte Ansorg nicht lange und besuchte mit seiner Klasse, seit einem halben Jahr ist einen Mitschüler afrikanischer Herkunft dabei, den Hamburger Michel, eine Synagoge und eine Moschee in der Hansestadt. Die "drei großen Weltreligionen" standen auf dem Stundenplan. Nicht nur theoretisch, sondern hautnah auch im gegenseitigen Erleben. Die Leiterin der heilpädagogischen Schule, Beate Backhaus, dazu: "Das passte doch genau zum Wettbewerb." Und: "Inklusion und Integration sind doch exakt unser Thema." fy 24.05.16

Nobelpreisträger Südhof jetzt mit Bundesverdienstkreuz

Der derzeit berühmteste ehemalige Waldorfschüler, Nobelpreisträger Prof. Dr. med. Thomas C. Südhof, darf sich ab sofort das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland ans Revers heften – die Übergabe fand am 24. Februar 2016 in Schloss Bellevue durch Bundespräsident Joachim Gauck höchstpersönlich statt. 

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Der Nobelpreisträger für Medizin oder Physiologie des Jahres 2013, Prof. Dr. Thomas C. Südhof, und der Nobelpreisträger für Chemie des Jahres 2014, Prof. Dr. Stefan Hell, haben heute das ihnen verliehene Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgehändigt bekommen. „Mit dieser Auszeichnung würdigt der Bundespräsident die herausragenden Forschungsleistungen dieser weltweit anerkannten Wissenschaftler“, heißt es dazu aus dem Bundespräsidialamt, und weiter: „Professor Südhof, der die Synapsen im Gehirn und deren Kommunikation miteinander erforscht, hat Entscheidendes über den Vesikeltransport in Körperzellen herausgefunden. Seine Erkenntnisse bieten mögliche Ansätze für Therapien gegen neuronale Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson.“

Vor mehr als dreißig Jahren verließ der in Göttingen geborene Südhof sein Heimatland in Richtung USA, weil ihm das damalige Deutschland zu klein und eng vorkam und er nach eigener Aussage noch die kulturelle und akademische Verwüstung empfand, die der Nationalsozialismus in Deutschland angerichtet hatte. Inzwischen ist er längst amerikanischer Staatbürger geworden und lehrt und forscht an der Universität Stanford, die er selbst als Eldorado der intellektuellen Neugier und des wissenschaftlichen Austausches bezeichnet.
Doch sein Werdegang begann an der Freien Waldorfschule Hannover-Maschsee, wo er 1975 sein Abitur ablegte. „Immerhin war es eine deutsche Waldorfschule, die ihn ja auch fit gemacht haben muss für seinen so erfolgreichen Lebensweg...“ heißt es dazu in der aktuellen Pressemitteilung des Bundespräsidialamtes, die Gaucks Rede zur Verleihung wiedergibt. Dem schließt sich der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) an und gratuliert herzlich zu dieser weiteren Auszeichnung!  CMS/BdFWS 24.02.16

Wieder Freude am Lernen durch Schulwechsel

Waldorfpädagogik ist ein geeigneter Weg, um mangelnde Motivation oder Schulverweigerung bei Grundschulkindern abzubauen und ihnen wieder zu Freude am Lernen zu verhelfen. Auch Symptome psychosomatischer Erkrankungen können massiv reduziert werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine empirische Studie, für die an 55 Regel-Waldorfschulen Eltern von Quereinsteigern zu den Befindlichkeiten ihrer Kinder nach dem Wechsel in die Waldorfschule befragt wurden.

Empirische Studie untersucht Quereinsteiger an Waldorfschulen – Individuelle Förderung auch in größeren Klassen möglich (Zusammenfassung: C. Unger-Leistner)

Waldorfpädagogik ist ein geeigneter Weg, um mangelnde Motivation oder Schulverweigerung bei Grundschulkindern abzubauen und ihnen wieder zu Freude am Lernen zu verhelfen. Auch Symptome psychosomatischer Erkrankungen können massiv reduziert werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine empirische Studie, für die an 55 Regel-Waldorfschulen Eltern von Quereinsteigern zu den Befindlichkeiten ihrer Kinder nach dem Wechsel in die Waldorfschule befragt wurden.

Insgesamt beteiligten sich 478 Elternhäuser an der Fragebogenaktion im Schuljahr 2004/5, einbezogen wurden die Klassen eins bis fünf. Gerade in der Grundschulzeit, die erste Erfahrungen mit den schulischen Lern- und Leistungsformen vermittle, trügen die Lehrkräfte eine besondere Verantwortung, betont die Autorin der Studie, Ulrike Luise Keller, in der Zusammenfassung der Ergebnisse. Die Pädagogin hat zuerst an staatlichen Real- und Grundschulen unterrichtet und ist dann an eine Waldorfschule übergewechselt. Ihre Forschungsarbeit entstand als Dissertation an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Mit dem Ergebnis ihrer Forschung möchte sie einen Beitrag zur Diskussion um die Merkmale der „guten Schule“ leisten. Sie bezieht auch Verbesserungsvorschläge für die Waldorfschule mit ein.

Im Blickpunkt der Untersuchung von Ulrike Luise Keller stehen die Erwartungen der Eltern und die Befindlichkeit der Grundschulkinder vor und nach dem Schulwechsel. Außerdem wird die Zusammensetzung der Quereinsteiger genau dokumentiert. Hierbei ergibt sich die erste Überraschung der Studie: Über die Hälfte der wechselnden Schüler verzeichnet befriedigende bis sehr gute Leistungen auf der staatlichen Schule und widerlegt damit das Vorurteil, dass Leistungsschwäche der Kinder ein Grund für den Wechsel zur Waldorfschule sei.

Als Hauptgründe für den Wunsch, die Schule zu wechseln, nennen die Eltern die ganzheitliche Methode des Lernens an der Waldorfschule (59,0%), Leistungsdruck (58,2%), Überforderung ihres Kindes durch das Arbeitstempo der alten Schule und zu viele Hausaufgaben (53,1%) . An nächster Stelle stehen Schulangst (37%), Unruhe und/oder Konzentrationsprobleme (33,9%). Der Eindruck der Eltern, dass eine falsche Schullaufbahnempfehlung gegeben worden oder zu erwarten sei, spielte in 12,8 % der Fälle eine Rolle.

Bei Konzentrationsproblemen und Unruhe bilden die Jungen die Mehrheit, während insgesamt etwas mehr Mädchen unter den Quereinsteigern zu finden sind.

Die Ursachen für die Unzufriedenheit der Eltern schlussfolgert die Studie aus ihren Erwartungen an die neue Schule: Die Mehrheit der Eltern möchte, dass ihr Kind wieder Freude an der Schule und am Lernen hat und dass es insgesamt wieder unbeschwert und froh ist (Angaben dazu S.171/S.172).

Dies gilt vor allem für das Kapitel über Schulangst. Betroffene Eltern berichten, wie ihre Kinder von den Lehrern unter Druck gesetzt oder gedemütigt wurden. So heißt es unter anderem: „Unser Kind litt unter der Lehrerin, die pädagogisch und menschlich unfähig war, mit Kindern umzugehen, wurde depressiv und lernblockiert. Wir waren die vierten, die sich in diesem Schuljahr abmeldeten.“ Oder „ Unter dem sehr autoritären Unterrichtsstil des Klassenlehrers litt unser Sohn sehr. Statt den Unterrichtsstoff zu vermitteln, schrie und schimpfte er sehr viel mit den Kindern, weil sie etwas nicht verstanden.“ Ein Junge erhielt sogar Schläge von der Lehrerin (mehrfach auch bei anderen Kindern). Auch sei er vor den Klassenkameraden bloßgestellt worden, schreiben die Eltern. Neben dem Fehlverhalten der Lehrer berichten die Eltern auch von Gewalt- und Mobbingerfahrungen der Grundschüler (Beispiele auf den S.122 –129).

Viele Kinder entwickelten infolge der Schulangst psychosomatische Störungen, die eine lange Liste bilden. Sie reicht von Kopfschmerzen über Magenkrämpfe und Erbrechen bis hin zu Bettnässen (S.137). Insgesamt, so die Eltern, hätten die Kinder das Lernen verweigert, nicht mehr in die Schule gehen wollen. Ihr Kind habe seine sozialen Kontakte und seine Selbstsicherheit verloren.

Zum Zeitpunkt der Umfrage besuchte mehr als die Hälfte der Kinder die Waldorfschule länger als 13 Monate, 21 Prozent länger als zwei Jahre, so dass „eine Darstellung und Bewertung der Befindlichkeit der Kinder ... aus reichlicher Erfahrung erfolgt und eine eventuelle Beurteilung aus erster Begeisterung ausgeschlossen werden kann“, schreibt die Autorin. (S.93)

Nach dieser Zeit haben sich die Erwartungen der Eltern an die Waldorfschule bei 80 Prozent der Eltern ganz und bei 13,8 Prozent teilweise erfüllt. Bei den Berichten über die Befindlichkeit der Kinder schneidet die neue Schule sogar noch besser ab: 93,1 Prozent der Eltern berichten, dass es ihren Kindern jetzt sehr gut oder gut gehe (S.179/184).

Hier wird u.a. berichtet (S.188/189): „dass unser Sohn als Mensch gesehen wird und nicht nur als lernschwaches Kind“, dass „seine Fähigkeiten gesehen und gefördert werden“. „Individuellere Pädagogik, seine Stärken ausbauen, ohne Zeitdruck an seinen Schwächen arbeiten“. „Die Möglichkeiten des Kindes anerkennen. Raus aus dem Schema: das musst du jetzt können, egal, ob du es leisten kannst oder nicht.“ Als kurze Zusammenfassung nennt Ulrike Luise Keller: „Fördern statt testen“ (S.189).

Eine große Rolle spielt bei der Beurteilung der Eltern auch die Förderung des Sozialverhaltens an der Waldorfschule: „dass es auf einer Waldorfschule gewaltfreier ist. Der soziale Umgang besser ist“ (S.193)

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass die Befindlichkeit der Kinder nicht von der Klassengröße abhängt. Nennen Eltern bei den kritischen Punkten der Waldorfschule u.a. auch die Größe der Klassen, so zeigt sich jedoch bei der Frage nach der Befindlichkeit der Kinder, dass die Klassengröße keine Rolle spielt. Die besten Werte finden sich bei den Kindern in den Klassen mit mehr als 33 Schülern. Offenkundig ist damit die individuelle Förderung der Schüler auch in größeren Klassen (S.299 ff).

Kritische Punkte, die ein Teil der Eltern hinsichtlich der Waldorfschule nennen, sind: Mängel bei der Anregung zum eigenen Lernen, fehlende Systematik des Fremdsprachenunterrichts, zu wenig Leistungsanforderung und zu langes Zuwarten bei Schwächen. Außerdem werde durch die Lehrer eine bestimmte Lebensweise als positiv bewertet, z.B. hinsichtlich Nutzung von PC, Fernsehen und Kino, was mit der Abwertung anderer Lebensweisen einhergehe. Als Problem wird auch die finanzielle Belastung der Familie durch den Besuch der Waldorfschule genannt (S.215/ S.221/ S.261).

Im Abschlusskapitel zieht die Autorin der Studie Schlussfolgerungen hinsichtlich ihrer Anfangsfragestellung nach den Merkmalen einer „guten Schule“.

In erster Linie ist es dem ganzheitlichen Unterricht zu verdanken, so Ulrike Luise Keller, dass die Kinder wieder Freude am Lernen entwickelt haben. Die vorwiegend einseitige intellektuelle Förderung an der staatlichen Regelgrundschule berge die Gefahr in sich, dass vor allem Kinder mit künstlerisch-musischen oder handwerklich-praktischen Begabungen nicht richtig gefördert werden können. Grundschulverband und Erziehungswissenschaft setzten sich schon lange für eine Veränderung der Grundschulpraxis ein, bei der mehr Sinnes- und Gefühlswahrnehmungen (ästhetische Erziehung) sowie Bewegung eine Rolle spielen sollten (S.330). Eins gilt nach den Befunden der Autorin für alle Schultypen: „ Eine stimmige Beziehung zum Lehrer als Voraussetzung dafür, dass sich das Kind wohl fühlt“ (S.352).

Am Ende der Studie steht die Forderung nach Schule als „Lebens- und Erfahrungsraum“. Voraussetzungen dafür seien: schulische Strukturen, die der Erziehungskontinuität dienen, ganzheitlicher Unterricht, Wahrnehmung der Persönlichkeit des Kindes und seine individuelle Förderung, ermutigende Leistungsbeurteilungen, Förderung der Sozialfähigkeit, eine persönliche Lehrer-Kind-Beziehung sowie eine positive Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Eltern.

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Ulrike Luise Keller
Quereinsteiger – Wechsel von der staatlichen Regelgrundschule in die Waldorfschule
VS-Verlag Wiesbaden 2008

Waldorfschüler: Freude und Interesse an Naturwissenschaft hoch ausgeprägt

PISA-Sondererhebung in Österreich bescheinigt besondere naturwissenschaftliche Kompetenz – Anwendungsbezug und Experimente in der Waldorfpädagogik entscheidend für Motivation.

06.03.09 11:54:00 Uhr
Von: Cornelie Unger-Leistner | BdFWS

PISA-Sondererhebung in Österreich bescheinigt besondere naturwissenschaftliche Kompetenz – Anwendungsbezug und Experimente in der Waldorfpädagogik entscheidend für Motivation.

Wien/Salzburg. Freude am Lernen und allgemeines Interesse an Naturwissenschaften sind bei den Waldorfschülern in Österreich sehr hoch ausgeprägt. Zu diesem Ergebnis kommt eine nationale Sondererhebung im Rahmen der PISA-Studie Naturwissenschaften 2006, die in dieser Woche vom österreichischen Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (Bifie) in Wien vorgestellt worden ist.

In keiner Schulsparte des österreichischen Regelschulwesens seien Freude und Interesse an den Naturwissenschaften so hoch bewertet worden wie an den Waldorfschulen, heißt es in dem Bericht des Instituts. Mit beiden Merkmalen liegen die Waldorfschulen auch über dem OECD-Mittelwert. Der Bericht bescheinigt den Waldorfschulen eine im Vergleich zu den Regelschulen „vorbildliche Unterrichtspraxis“, da Experimente und die Anwendung des Gelernten im Vordergrund stünden.

Wie bereits in den vorhergehenden PISA-Studien 2000 und 2003 waren bei PISA 2006, bei der die naturwissenschaftlichen Kompetenzen im Vordergrund standen, die 15/16jährigen Schüler in den österreichischen Waldorfschulen mit den bei PISA üblichen standardisierten Verfahren im Rahmen einer nationalen Zusatzerhebung getestet worden. Alle zehn Waldorfschulen des Landes hatten sich beteiligt, insgesamt wurden 153 Schüler und Schülerinnen des Schuljahrs 05/06 einbezogen.

Bei den Aufgaben zu „naturwissenschaftlichen Erklären von Phänomenen“ erzielten die Waldorfschule 519 Testpunkte (Regelschulen 516), bei „Heranziehen naturwissenschaftlicher Beweise“ 526 Testpunkte (Regelschulen 505) und bei „Erkennen naturwissenschaftlicher Fragestellungen“ 537 Testpunkte (Regelschulen 505). Bei den beiden letzten Aufgabenstellungen übertreffen die Waldorfschüler auch den OECD-Schnitt, in dessen Bereich sich die staatlichen Schulen sich bewegen.

Im Vergleich zu den staatlichen Regelschulen zeigten die Waldorfschüler durchschnittlich mehr Motivation für die naturwissenschaftlichen Fächer. Außerdem haben sie eine „deutlich positivere Wahrnehmung ihrer eigenen naturwissenschaftlichen Fähigkeiten“ als dies im OECD und auch im Österreich-Durchschnitt der Fall ist. Sie weisen auch ein deutlich höheres Selbstkonzept als die Schülerinnen aller österreichischen Schulsparten auf, schreibt das Bildungsforschungsinstitut in seinem Bericht. Dieser wissenschaftliche Begriff umfasst das leistungs- und kompetenzbezogene Selbstbewusstsein der Schüler.

Für das positive Abschneiden machen die Wissenschaftler die in den Waldorfschulen angewandten anderen Unterrichtsmethoden verantwortlich. Zwei Drittel aller Waldorfschüler gaben an, Fragestellungen in Physik, Chemie oder Biologie auch im Labor zu untersuchen.

Dies sei in den Schulen im OECD-Schnitt „keine gängige Unterrichtspraxis“, heißt es im dem Bericht. Der österreichische Wert liege sogar noch darunter. In keiner österreichischen Schulsparte werde über „annähernd soviel Anwendungsbezug“ in den Naturwissenschaften berichtet wie in den Waldorfschulen.

Die Ergebnisse zum Naturwissenschaftsunterricht decken sich nach Angaben des österreichischen Bildungsforschungsinstituts auch mit einer in Deutschland durchgeführten Pilotstudie, die der vor allem Anschaulichkeit und Praxisorientierung sowie der Anwendungsbezug des naturwissenschaftlichen Unterrichts an den Waldorfschulen hervorgehoben wird.

Die Ergebnisse legen den Schluss nahe, schreiben die Wissenschaftler, dass „die Regelschule von der Waldorfschule lernen kann, insbesondere, was den konkreten Anwendungsbezug in der Naturwissenschaft betrifft“. Empirische Untersuchungen zu dem Thema sollten verstärkt durchgeführt werden.

Bei der PISA-Studie 2006 standen erstmals die naturwissenschaftlichen Kompetenzen der Schüler im Zentrum der Untersuchung. Es beteiligten sich 57 Länder aus allen Kontinenten, als Kernländer nahmen alle 30 OECD-Staaten teil. In jedem Land findet PISA in zufällig ausgewählten Schulen statt. Dazu wird eine Stichprobe von mindestens 4500 Schülerinnen und Schülern des entsprechenden Alters (15-/16-Jährige) unter streng kontrollierten Bedingungen getestet.

Die Ergebnisse aus Deutschland wurden im November 2008 veröffentlicht. Eine gesonderte Auswertung für die Waldorfschulen gibt es hier nicht.

Die österreichischen Wissenschaftler verweisen in ihrem Bericht auch auf die in Deutschland erstellte Absolventenstudie von H. Barz und D. Randoll, nach deren Ergebnissen die naturwissenschaftlichen Berufe die zweitgrößte Gruppe erlernter Berufe nach dem Lehrerberuf bei Waldorfschülern darstellten. Dies sei angesichts des guten Abschneidens der Waldorfschüler bei der PISA-Studie zur naturwissenschaftlichen Kompetenz nicht überraschend, heißt es im Bifie-Bericht.

Weblink: www.bifie.at/pisa2006eb-9

Das Lehrerseminar für Waldorfpädagogik in Kassel entwickelt eigene Lehrmittel für phänomenologische Großversuche im naturwissenschaftlichen Unterricht an Waldorfschulen.

Waldorfpädagogik auch bei Migrantenkindern erfolgreich

Bund der Freien Waldorfschulen stellt wissenschaftliche Studien vor – Deutschkenntnisse nach zwei Jahren ohne Unterschied

Bund der Freien Waldorfschulen stellt wissenschaftliche Studien vor – Deutschkenntnisse nach zwei Jahren ohne Unterschied

Stuttgart, 7. Mai 09. Die Waldorfpädagogik hat bei der Sprachförderung und Integration von Kindern mit Migrationshintergrund beachtliche Erfolge vorzuweisen. Außerdem ist sie ein geeigneter Weg, um mangelnde Motivation oder Schulverweigerung bei Grundschulkindern abzubauen. Dies geht aus zwei wissenschaftlichen Studien hervor, die der Bund der Freien Waldorfschulen am Donnerstag in Stuttgart der Presse vorstellte.

Eine Studie, die von Prof. Michael Brater (Alanus-Hochschule, Alfter bei Bonn) und anderen Autoren im Auftrag der Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung (GAB) erstellt wurde, befasst sich mit der Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim-Neckarstadt. Zwei Jahre lang wurden die Schüler der Interkulturellen Waldorfschule begleitet, Unterricht beobachtet, Lehrer und Eltern befragt sowie Sprachstandsanalysen durchgeführt.

Rund die Hälfte aller Schüler der Interkulturellen Waldorfschule haben einen Migrationshintergrund. Das Ergebnis der Forscher zeigt, dass sich nach zwei Jahren die Defizite in der Sprachkompetenz so weit vermindert hatten, dass sie statistisch nicht mehr feststellbar waren. Dieses Ergebnis erzielten die Mannheimer Waldorfpädagogen ohne spezielle Deutschkurse oder Sprachfördermaßnahmen, die sie wegen der damit verbundenen Aussonderung der Kinder eher ablehnen.

Verantwortlich machen die Wissenschaftler für den Erfolg vor allem die große Bedeutung, die der Sprachpflege in der Waldorfpädagogik beigemessen wird, aber auch den Ganztagsunterricht, den Unterricht in Projektform und die Einbeziehung der Sprache des Herkunftslands vieler Kinder im sogenannten begegnungssprachlichen Unterricht, einer Innovation der Interkulturellen Waldorfschule.

Eine Rolle spielt auch die Begrenzung des Anteils der Kinder mit Migrationshintergrund auf rund 50 Prozent, so dass den Migrantenkindern das Konzept eines „Sprachbades“ in Deutsch ermöglicht wird. Ähnliche Erfolge wie bei der Sprachförderung erzielt die Interkulturelle Waldorfschule nach den Ergebnissen der Studie auch beim Lernverhalten. Hier wurden Indikatoren beobachtet wie „Aufmerksamkeit“, „Selbständiges Arbeiten“ und „Unterrichtsbeteiligung“. Zu keinem Zeitpunkt sei ein Unterschied zwischen den Kindern mit und ohne Migrationshintergrund festzustellen gewesen, schreiben die Forscher.

Angemerkt wurde schließlich eine durchweg positive Entwicklung des Klassenklimas. Erstaunlich sei auch, wie die Tendenz zu Gewaltanwendung bei den Kindern aus dem sozialen Brennpunkt-Stadtteil Neckerstadt-West zurückgegangen sei. Die Forscher machen dafür die waldorfspezifischen Unterrichtsstrukturen verantwortlich, bei denen es keinen Notendruck und kein Sitzenbleiben gibt. Auch die zentrale Rolle des Klassenlehrers und die Entwicklung der sprachlichen Kompetenzen spielten dabei eine Rolle.

Die Interkulturelle Waldorfschule wurde 2003 eröffnet, über die Hälfte der Lehrkräfte hat einen Migrationshintergrund. Zum Zeitpunkt der Studie lernten dort 183 Kinder in sieben Klassen. Da die Eltern sich nicht durch hohe Summen am erforderlichen Haushaltsbudget beteiligen können (40 Prozent Hartz-IV-Empfänger), müssen Stiftungen derzeit das bestehende Defizit mittragen. Dennoch schaffen die Eltern einen Schulbeitrag von durchschnittlich ca. 50 Euro aufzubringen. Der Bund der Freien Waldorfschulen nahm die Vorstellung der Studie zum Anlass, eine staatliche Vollfinanzierung der Waldorfschulen zu fordern. Nur so könne die Waldorfpädagogik auch anderen Kindern aus benachteiligten Familien zugute kommen.

Eine zweite Studie, die als Dissertation von Dr. Ulrike Luise Keller an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe entstanden ist, untersucht Erwartungen der Eltern und Befindlichkeit der Grundschulkinder vor und nach dem Wechsel an die Waldorfschule. Befragt wurden 478 Elternhäuser im Schuljahr 2004/05. Diese Studie zeigt, wie durch die Methodik des Unterrichts an der Waldorfschule fehlende Motivation, Schulangst oder –verweigerung abgebaut wurden bis hin zur Verminderung psychosomatischer Symptome.

Beide Studien belegen, dass die Waldorfpädagogik mit konsequenter Einzelförderung, Verzicht auf Sitzenbleiben und Orientierung an den Ressourcen der Kinder dem durch die moderne Erziehungswissenschaft geforderten Paradigmenwechsel in der Schullandschaft bereits jetzt entspricht.

Hier finden Sie die Zusammenfassungen der beiden Studien: Interkulturelle Waldorfschule und Quereinsteigerstudie

Literaturhinweis:

  • Brater, M., Hemmer-Schanze, Ch., Schmelzer, A., Interkulturelle Waldorfschule – Evaluation zur schulischen Integration von Migrantenkindern, VS Verlag Wiesbaden 2009
  • Ulrike Luise Keller Quereinsteiger – Wechsel von der staatlichen Regelgrundschule in die Waldorfschule, VS-Verlag Wiesbaden 2008

Über den Bund der Freien Waldorfschulen e.V.
Die deutschen Waldorfschulen haben sich zu einem Bund der Freien Waldorfschulen e.V. mit Sitz in Stuttgart zusammengeschlossen. Die föderative Vereinigung lässt die Autonomie der einzelnen Waldorfschule unangetastet, nimmt aber gemeinsame Aufgaben und Interessen wahr. Korporative Mitglieder sind derzeit 213 Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen sowie acht Seminare/Hochschulen für Waldorfpädagogik. Daneben gibt es rund 1.900 persönliche Mitglieder.

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart eröffnet. Nach 90 Jahren Waldorfpädagogik gibt es heute weltweit über 1.000 Waldorfschulen sowie 2.000 Kindergärten und Förder-Einrichtungen in allen Erdteilen, darunter auch in Israel, Südafrika und Ostasien.

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