Staatliche Abschlüsse an den Waldorfschulen in Schleswig-Holstein

Die Freien Waldorfschulen in Schleswig-Holstein bieten ihren Schülern seit vielen Jahren staatliche Schulabschlüsse an.

Der Hauptschulabschluss wird im Allgemeinen ab Ende des vollendeten 10. Schuljahres - ohne Prüfung, aber durch ein Überprüfungsgespräch in Verbindung mit dem Besuch des zuständigen Schulrates und Siegelung des von der Schule erstellten Zeugnisses - erteilt. Bei entsprechendem Notenbild wird auch der Qualifizierte Hauptschulabschluss erteilt, der die Möglichkeit zum anschließenden Fachschul- oder Fachoberschulbesuch eröffnet.

Der Realschulabschluss für Waldorfschüler ist - bis auf eine mündliche Pflichtprüfung, die einem Staatsschüler bei sehr gutem Gesamt-Leistungsbild erspart bleibt - identisch mit dem an einer Realschule in Schleswig-Holstein: drei schriftlich zu prüfende Fächer, eine mündliche Prüfung.

Unsere Prüfungsordnung stellt unseren Schulen anheim, ihren Realschulabschluss ans Ende der 10. Klasse zu legen, wie an staatlichen Schulen üblich, oder auch später. Die Waldorfschulen in S-H und die meisten anderen deutschen Waldorfschulen haben diesen Abschluss ans Ende der 12. Klasse gelegt, um die Homogenität des 12-klassigen Schulkonzeptes der Waldorfpädagogik nicht zu gefährden.

Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, dass - unabhängig vom Realschulabschluss am Ende der 12. Klasse - im 11. und 12. Schuljahr der Waldorfschule über den RA hinausgehende Inhalte der 'Sekundarstufe II' unterrichtet werden, allerdings im Sinne des Lehrplans der Waldorfschule. Daher kann dann im 13. Jahr eine angemessene Abitur- und Fachhochschulreife-Vorbereitung stattfinden.

Das Abitur umfasst 4 schriftlich zu prüfende Fächer, davon zwei Leistungskurse, 2 nur mündlich zu prüfende Fächer und außerdem 2 Fächer, deren Jahresleistungen ohne Prüfung ins Abschlusszeugnis eingehen und deren Unterrichtsniveaus durch je einen Unterrichtsbesuch im Auftrag der Schulaufsicht überprüft werden.

Die schleswig-holsteinischen Waldorfschulen sind gewillt und in der Lage - zum Teil in Kooperation mit benachbarten Waldorfschulen -, ein relativ großes Kursangebot mit vielen Fächerkombinationsmöglichkeiten anzubieten, was natürlich den Chancen fürs Bestehen und für attraktive Notendurchschnitte zugute kommt.

Das gilt auch für die Fachhochschulreife (schulischer Teil). Sie umfasst 3 schriftlich zu prüfende Fächer, davon 2 Leistungskurse, und 1 'Überprüfungsfach' (siehe oben Abitur).

An Waldorfschulen wird die Fachhochschulreife (schulischer Teil) lediglich in Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und seit kurzem auch in Mecklenburg-Vorpommern angeboten. Diesen Abschluss vor gut 10 Jahren für Schleswig-Holstein zu erlangen, ging nicht ohne Kämpfe ab. Wir können auf eine Weise froh sein, ihn überhaupt zu haben, und zur weiteren Verbesserung der Abschlussmodalitäten führt die Landesarbeitsgemeinschaft Verhandlungen.

Die Fachkurse für das Abitur und für die Fachhochschulreife sind integriert, und die Meldung zum gewünschten der beiden Abschlüsse findet im Allgemeinen zu einem vorgegebenen Termin im Januar statt.

Aufgrund der Beschlüsse der Ständigen Kultusministerkonferenz der Länder erkennen die Bundesländer ihre sämtlichen Abiture, also auch die an der Waldorfschule abgeleisteten, als gleichwertig an.

Das ist bei der Fachhochschulreife (schulischer Teil), nicht der Fall. Es gibt für diesen Abschluss lediglich eine 'Elf-Länder-Vereinbarung' über den schulischen Teil der Fachhochschulreife in der gymnasialen Oberstufe (Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, NRW, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein). Nur diese elf Länder erkennen ihre FHRn (schulischer Teil) gegenseitig an. Es kann also auch der Schüler mit der an einer staatlichen Schule erlangten Fachhochschulreife (schulischer Teil) nicht automatisch in jedem Bundesland an einer Fachhochschule studieren!

In einzelnen Bundesländern haben die Waldorfschulen 'gymnasiale Oberstufen' (Klassen 11-13). Die anderen wollten sich allerdings die weitgehende pädagogische Autonomie bewahren und haben dafür etwas mehr Prüfungsaufwand in ihren staatlichen Abschlüssen in Kauf genommen. Letztere, sofern sie überhaupt die FHR anbieten, unterliegen also nicht automatisch der o.g. Elf-Länder-Vereinbarung, insbesondere nicht die Waldorfschulen in Schleswig-Holstein.

Das bedeutet also, dass insbesondere der schleswig-holsteinische Waldorfschüler mit seiner FHR (schulischer Teil) zunächst auf jeden Fall die Berechtigung hat, an einer schleswig-holsteinischen Fachhochschule zu studieren. Möchte er an einer Fachhochschule außerhalb von Schleswig-Holstein sein Studium beginnen, empfiehlt es sich, rechtzeitig persönliche Erkundigungen an der betreffenden Fachhochschule einzuziehen bzw. sich zu bewerben (das Verhalten der Fachhochschulen kann erfahrungsgemäß sehr unterschiedlich sein). Oder er beginnt sein Studium in Schleswig-Holstein und setzt es dann in einem anderen Bundesland fort, sofern wiederum die Fachhochschulen ihre Studien gegenseitig anerkennen. Auf diesem Gebiet herrscht eben eine große Vielfalt, ebenso wie in der Arbeitswelt. Nicht empfehlenswert ist es, in dieser Hinsicht eine private Auskunft bei den Kultusministerien der Länder einzuholen, da diese "nach bisherigen Erfahrungen restriktiv behandelt wird" (Justitiar des Bundes der Freien Waldorfschulen).

Außerdem wird zur möglichen Aufnahme in eine Fachhochschule noch der praktische Teil der Fachhochschulreife benötigt, und zwar egal, in welcher Schulform die Fachhochschulreife (schulischer Teil) abgelegt wurde. Das ist ein 1-jähriges 'gelenktes' Praktikum oder eine 2-jährige Berufsausbildung oder eine 5-jährige Berufstätigkeit. Hierbei wird aus einem freiwilligen sozialen Jahr oder dem Wehrdienst oder dem Ersatzdienst ein halbes Jahr als 'Praktikumszeit' anerkannt.

Hat man auch den praktischen Teil abgeleistet, kann man sich das entsprechende Zertifikat der Fachhochschulreife im Kultusministerium ausstellen lassen. Will man also, egal ob Waldorfschüler oder Staatsschüler, an einer Fachhochschule studieren, empfiehlt es sich, an den ins Auge gefassten Fachhochschulen frühzeitig genaue Erkundigungen über die Aufnahmebedingungen und Studienplatzwechsel einzuholen, auch darüber, welche Voraussetzungen der praktische Teil der FHR unter Umständen erfüllen muss, um einen Studienplatz zu bekommen, oder ob ein solches Praktikum eventuell auch während des Studiums oder nachher abgeleistet werden kann.

In allen genannten Abschlüssen sind die Prüfer die unterrichtenden Waldorflehrer selbst. Die Zweitkorrekturen in den schriftlich zu prüfenden Fächern und den Beisitz in den mündlich zu prüfenden Fächern übernehmen im Allgemeinen Fachkollegen von Schulen in staatlicher Trägerschaft.

Für alle Fragen bezüglich des hier Dargestellten steht der Autor per E-Mail gern zur Verfügung.